Biografie


Stefan Zweig hat in der Geschichte der Weltliteratur eine grosse Bedeutung, die für Brasilien von besonderer Wichtigkeit ist. Dort wurde der berühmteste aller emigrierten Schriftsteller am Höhepunkt seiner Karriere gefeiert und gewürdigt, dort fand er – wie er selbst sagte – einen vom Nazionalsozialismus weit entfernten Schlupfwinkel, dort schrieb er einige seiner berühmtesten Werke und verfasste ein Loblied auf das Land, das ihn aufgenommen hatte. Aber in Brasilien beschloss Zweig auch, mit seiner zweiten Frau, Lotte Altmann, freiwillig in den Tod zu gehen (1942). Der Doppelselbstmord im tropischen Paradies einige Tage nach dem Karneval war mehr als ein bloßer Ausdruck der Verzweiflung; es war ein klarer Akt, eine unmissverständliche Geste, der Schlusspunkt eines an Reisen, Werken und Emotionen reichen Lebens. Der Schriftsteller wurde am 28. November 1881 in Wien als typisches Produkt des jüdischen österreichischen Bürgertums der Jahrhundertwende geboren. Als Sohn des erfolgreichen jüdischen Textilfabrikanten Moritz Zweig und seiner Frau Ida, geborene Brettauer, wusste SZ seit frühem, dass er eine literarische Karriere verfolgen wollte und bereitete sich sorgfältig darauf vor. Er verbrachte die Zeit des Gymnasiums (das er hasste) mit Büchern - oft las er bis in den Morgen hinein - und ab dem Alter von 16 Jahren publizierte er bereits Gedichte. Während sich sein Bruder Alfred darauf vorbereitete, die Geschäfte des Vaters zu übernehmen, konnte sich Stefan dem widmen, was er am meisten liebte. Er studierte Literatur und Philosophie in Wien und in Berlin, wo er 1904 seine Dissertation über Hippolyte Taine einreichte. 1901 begann er, im Feuilleton der angesehenen Wiener Zeitung Neue Freie Presse mitzuarbeiten. Von 21 Jahren bis zum Alter von 52 Jahren erlebte Zweig eine an Begegnungen und Reisen reiche Zeit, die von einer weitreichenden literarischen Produktion in allen Genres geprägt und von Erfolg gekrönt war. In dieser Zeit vertiefte er grosse Freundschaften, wie mit dem belgischen Dichter Émile Verhaeren, seinem ersten Meister, mit Rainer Maria Rilke, Theodor Herzl, Walter Rathenau, Maxim Gorki, James Joyce, Arthur Schnitzler, Joseph Roth, Romain Rolland und Sigmund Freud. Er verkehrte mit anderen Grössen seiner Zeit wie Frans Masereel, Ferrucio Busoni, Fritz von Unruh, Hermann Hesse, James Joyce, Pierre-Jean Jouve, Annette Kolb, René Schickele, Arturo Toscanini, Bruno Walter, Sergei Eisenstein. Er reiste viel – in Europa, aber auch nach Indien und dem Fernen Orient (einem Ratschlag von Walter Rathenau folgend), nach Algerien, Kuba, Panama, Nordamerika und Kanada. 1912 lernte er seine zukünftige Frau, Friderike Maria von Winternitz, geborene Burger, kennen, die seine dauernde Begleiterin wurde, mit ihm sein literarisches Leben teilte und die er 1920 heiratete. Noch davor kam er in den Genuss literarischen Ruhms und gro?er politischer Enttäuschungen. Der erste Weltkrieg machte aus ihm einen überzeugten Pazifisten und er vertiefte als Parteiloser seine hauptsächlich humanistischen Werte und Ansichten, sowie die eines vereinten Europas. 1919 zog er in die Villa am Kapuzinerberg in Salzburg, die er zusammen mit Friderike kaufte, wo eine lange Zeitspanne intensiver Arbeit begann (bis zur Machtübernahme durch Hitler 1933 und dem pro-nazistischen Klima in Österreich 1934, als er nach London umzog). Die Londoner Zeit – bis 1940 – war unruhiger. Die ebenfalls vor dem Naziregime geflüchtete Lotte Altmann, die von Friderike ausgesuchte neue Sekretärin Zweigs, wurde nach der Scheidung von Friderike 1939 seine zweite Frau; SZ schrieb einige seiner wichtigsten Biografien, wie Erasmus von Rotterdam, Maria Stuart, Magellan; am Gipfel des Erfolges verbot und verbrannte das Nazi-Regime öffentlich seine Bücher. Auf einer Reise zum Kongress des PEN Clubs in Buenos Aires im Jahr 1936 begeisterte er sich für Brasilien, das ihn mit offenen Armen und allen Ehren empfing und gab das Versprechen ab, das Land in seinen Texten bekannt zu machen. Erschrocken über den Vormarsch Nazideutschlands und den Fall von Paris beschloss Zweig 1940, mit seinem inzwischen erworbenen britischen Pass nach Brasilien zu reisen, um Material für sein ‚Brasilienbuch’ zu sammeln. Als er eine Tournee mit Vorträgen in Brasilien und Argentinien begann, erhielt er vom brasilianischen Konsulat in Buenos Aires ein permanentes Aufenthaltsvisum, ein gro?es Privileg. Auf dem Rückweg über New Haven, USA, schrieb er das Brasilien-Buch und Amerigo Vespucci, Geschichte eines historischen Irrtums. Das Buch wurde 1944 posthum vom Verlag Bermann-Fischer, Stockholm, herausgegeben. Auch die Vorbereitungen seiner Autobiografie - bei denen ihm seine erste Frau half - gediehen. Gleich danach widmete er sich einer enormen Aufgabe: die praktisch gleichzeitige Veröffentlichung von Brasilien, ein Land der Zukunft in acht Ausgaben. Das Buch wurde in Brasilien und Portugal herausgegeben; es erschien in Deutsch bei Bermann-Fischer; in Englisch bei Viking/New York; in weiteren Ausgaben in Spanisch, Schwedisch und Französisch; in Kanada und England. Zweig beendete seine Autobiografie in Ossining, New York, bevor er nach Brasilien zurückkehrte. Dort zog er mit Lotte im September 1941 nach Petrópolis, wo er ein kleines Haus in der Rua Gonçalves Dias Nummer 34 mietete. Verdrossen über die Gerüchte, nach denen er sich an die brasilianische Regierung verkauft hätte, um sein Buch über Brasilien zu schreiben und mit der düsteren Situation der Welt, die in Krieg unterging, wurde Zweig immer deprimierter. In den fünf Monaten, die er in Petrópolis lebte, produzierte er noch viel: er beendete seine Autobiografie, schrieb die Schachnovelle, begann die Biografie des Montaigne und überarbeitete andere Werke. Aber seine Depression verschlechterte sich mit den Nachrichten vom Krieg, besonders nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour, dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg und der Versenkung des Schiffes Buarque, die Brasilien dazu brachte, seine neutrale Position aufzugeben und sich mit den USA zu verbünden. In der Nacht vom 22. zum 23. Februar 1942, fünf Monate nachdem er voll von Plänen und Projekten nach Petrópolis umgezogen war, verwirklichte Zweig mit Lotte seinen sorgfältig vorbereiteten Todespakt. Im Bewusstsein des symbolischen Wertes der Handlung in jenem Moment und an jenem Ort sorgte er sich um die geringsten Details. Er verfasste sogar eine Reinschrift seiner Declaração, in der er sich für seine Aufnahme in Brasilien bedankte und die nach seinem Tode um die ganze Welt ging.